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Die Textauszüge sind chronologisch geordnet:

Kalatur, der Geist des Rauches

„Mächtiger Kalatur, allgewaltiger Geist des Rauches, größter aller Dschinn, ich rufe dich, denn ich schwacher Erdenmensch benötige die Hilfe deiner Geisterkraft!" Schrill drang die Stimme von Siduri, der dritten Nebenfrau von König Nebukadnezar zu ihm herein. Alles in Kalatur wehrte sich, dem Ruf zu folgen, aber die beringten Finger Siduris drehten und rieben die Flasche, die ihm als Wohnung diente, und Kalatur musste ihrem Ruf folgen. Er konzentrierte sich und sammelte seine Energien. Langsam und stetig begann er, als feine, weiße Rauchsäule durch den Flaschenhals nach oben zu strömen. Er bildete einen Wirbel wie ein Zyklon und verdichtete sich dann zu einer menschlichen Gestalt. Kalatur wusste, dass Siduri jedes Mal bis ins Mark ihrer Knochen erschrak, wenn sie ihn sah, deshalb ließ er seinen Körper zur Größe eines furchterregenden Riesen anschwellen und fragte mit dröhnender Stimme: »Herrin Siduri, ich bin dein Diener. Was willst du von mir?« Dabei funkelte er sie aus seinen dunklen, von buschigen Brauen umrahmten Augen drohend an. Obwohl sie den Rauchgeist schon so oft in ihre Dienste gezwungen hatte, konnte sich Siduri einer Gänsehaut nicht erwehren. Sie wusste, dass Kalatur ihre ehrgeizigen Pläne und Intrigen missbilligte, aber sie wusste auch, dass er ihre Befehle befolgen musste. Es war ihr gelungen, Sanheb, den greisen Oberpriester des Gottes Marduk, zu belauschen, als jener den Geist gerufen hatte. Seither kannte sie die Beschwörungsformel. Wenig später hatte sie Sanheb die Flasche gestohlen, die Kalatur als Wohnung und Ort der Regeneration diente. Nun war der Geist ihr Diener und musste ihr zu Willen sein.

„Ich will, dass mein Sohn Ninzub die Prüfungen als strahlender Sieger verlässt!«

„Herrin Siduri, du überschätzt meine Kräfte. Ich kann deinen Sohn nicht klüger machen, als er in Wirklichkeit ist!«

„Kalatur, stell dich nicht so an! Du hast bewiesen, dass du Pfeile lenken und Tiere stolpern lassen kannst, also kannst du auch dafür sorgen, dass Eli heute wieder wie ein Trottel und Dummkopf dasteht! Ich will, dass Ninzub der nächste König von Babylon wird und nicht er.«

„Herrin Siduri, vergiss nicht, dass Gilgal, der die jungen Königssöhne in der Kunst des Lesens und Schreibens unterweist, den König beständig über deren Fortschritte unterrichtet. Eli ist ein eifriger, gelehriger Schüler, während Ninzub, dein Sohn, nur Dummheiten im Kopf hat und die Keilschrift nur mit allergrößter Mühe lesen, geschweige denn richtig schreiben kann!«

„Papperlapapp«, fuhr Siduri den Geist an, „keine faulen Ausreden! Jage Gilgal einen gehörigen Schrecken ein, dann wird er dem König genau das berichten, was du von ihm verlangst! Also fliege nun davon und folge meinem Befehl!«

Kalaturs Körper schrumpfte und wurde wieder zu feinem, weißem Rauch. Langsam und beinahe unsichtbar schwebte er durch den Garten des Palastes. Er sah Siduri durch eine Tür huschen, und weil er ein Geist war, sah er auch, was Siduri nicht gesehen hatte. Die alte Eninki, die einst die Amme des Königs gewesen war, stand hinter einem Baum verborgen und hatte Siduri belauscht. Kalatur machte sich darüber keine Gedanken. Er war ein Geist, und er musste die Befehle derer ausführen, die nach ihm riefen - ganz gleich, ob ihm diese Befehle gefielen oder nicht. Unbemerkt flog er durch die königlichen Gärten und die weiträumige Palastanlage, bis er zu dem Raum kam, in dem der Oberschreiber und Lehrer Gilgal die jungen Königssöhne unterrichtete.

Gilgal war alleine im Raum. Er war damit beschäftigt, die Tontafeln für die bevorstehende Prüfung vorzubereiten. Seine Stirn war von Sorgen umwölkt. Seit Etara, der alte Waffenmeister, der bisher die Königssöhne in der Kriegskunst unterwiesen hatte, beim König in Ungnade gefallen war, war er von heftiger Furcht ergriffen, dass ihn womöglich das gleiche Schicksal ereilen könnte. Gilgal gab sich einen Ruck:

„Sei kein Angsthase Gilgal!«, befahl er sich selbst. „Deine Schüler sind eifrig und machen gute Fortschritte. Einzig Ninzub trübt das gute Bild. Er ist frech und faul und hat nur Unsinn im Sinn. Aber der König weiß das. Er kann es mir nicht anlasten!«, tröstete sich Gilgal. Er wollte gerade die metallenen Schreibgriffel bereitlegen, als er den Rauch bemerkte. Es war ein seltsamer Rauch, denn nirgendwo war Feuer. Der Rauch begann sich zu drehen, bildete einen Wirbel und plötzlich wuchs aus ihm ein Riese heraus. Gilgal fielen klappernd die Griffel aus der Hand. Der Riese wuchs weiter und füllte nun beinahe das halbe Zimmer aus. Er trug keine Kleider, nur ein rotes Tuch, das er wie einen Lendenschurz zwischen den Beinen hochgezogen und um die Hüften gewickelt hatte. Gilgal schlotterten vor Angst die Knie, als der Riese sich zu ihm hinunterbeugte. Die langen, schwarzen Haare, die der Riese im Nacken zusammengebunden hatte, fielen dabei nach vorne und kitzelten Gilgal an der Nase. Gilgal musste niesen. „W-w-was w-w-willst du von mir?«, stotterte er zitternd vor Furcht.

„Nicht viel, nur eine Kleinigkeit!« Die Stimme des Riesen dröhnte so laut, dass Gilgal hoffte, der ganze Palast würde zusammenlaufen und ihm zu Hilfe eilen. Der Riese legte ihm schwer die Hand auf die Schulter.

„Ich stehe zu deinen Diensten, erhabener Herr«, stammelte Gilgal.

„Wunderbar!«, dröhnte der Riese. „Wenn du zu meinen Diensten stehst, wirst du heute ganz sicher dem König berichten, dass Siduris Sohn Ninzub der fleißigste und klügste von all deinen Schülern ist!« Und zur Bekräftigung seiner Worte fasste er Gilgal vorne am Obergewand und hob ihn ein wenig in die Höhe.

„Erhabener Herr, das kann ich nicht!«, jammerte Gilgal. Der Riese hob den Oberschreiber noch ein wenig höher.

„Und warum nicht?«

„Es entspricht nicht der Wahrheit. Ninzub ist ein Dummkopf, ein Faulpelz und ein Tunichtgut!«

Der Riese schüttelte Gilgal wie einen leeren Getreidesack. „Täuschst du dich da nicht?« Seine Stimme klang drohend wie Donnergrollen.

„Nein, erhabener Herr. Ich täusche mich nicht. Ich bin schließlich sein Lehrer!«, wimmerte Gilgal von der Zimmerdecke herunter.

„Oh weh, ich glaube, die Sommersonne hat dein Gehirn vertrocknet!«, dröhnte der Riese. „Aber an der frischen Luft wird dir bestimmt gleich wieder einfallen, dass Ninzub der klügste und eifrigste von all deinen Schülern ist!« Er klemmte sich Gilgal unter den Arm und schwebte mit ihm zur Tür hinaus...

***

Zorro hatte dösend auf seiner Decke gelegen. Nun hob er den Kopf, stellte die Ohren auf und knurrte. „Sei still", befahl Philipp, „ich hab eine grässliche Hausaufgabe auf und muss meine grauen Zellen anstrengen!" „Dear Mark," hatte er bis jetzt in sein Heft geschrieben. „I spent my Easter holydays in …" Suchend blätterte Philipp im Wörterbuch. „Aha, ‚Marokko’ heißt auf Englisch ‚Morocco’. Für diese verflixte Hausaufgabe muss ich ganz bestimmt noch tausend Wörter nachschlagen", schimpfte er. - Zorros Knurren steigerte sich zu einem dunklen Donnergrollen.

„Ich hätte dich mit in die Schule nehmen sollen, damit du unseren Mr. Bean anknurrst. So eine Schnapsidee von dem: ‚Stellt euch vor, ihr hättet einen Brieffreund in London. Schreibt ihm, wie ihr eure Osterferien verbracht habt!’ Also ganz ehrlich, wenn ich bei dir zu Hause geblieben wäre, hätte ich mich leichter getan: ‚Ich ging jeden Morgen mit meinem Hund Gassi und spielte nachmittags mit meinen Freunden Fußball.’ Punkt und fertig! Das hätte ich ganz schnell übersetzt. Na gut, was ‚Gassi gehen’ auf Englisch heißt, weiß ich auch nicht. Aber zwei Wochen mit dem Bus durch Marokko – Fes, Rabat, Marrakesch – immer mit einem abgehalfterten Pauker im Nacken und einer Großmutter, die auf jedem Markt einkauft wie eine Wilde – Lederbeutel, Silberarmbänder, alte, blaue Glasflaschen – das wird ein endlos langer Brief! Aber warum erzähl ich dir das alles? Du bist ja nur ein dummer Hund und versteht nichts von dem, was ich dir sage!" Zorro war von seiner Decke aufgesprungen. Sein schwarzes Fell sträubte sich, und mit hochgezogenen Lefzen fletschte er drohend die Zähne.

„He, war nicht so gemeint", witzelte Philipp, „du bist selbstverständlich der klügste und schlauste Hund, den ich kenne. Aber bei dem blöden Brief kannst du mir leider nicht helfen!" Philipp stemmte den Ellbogen auf den Schreibtisch und stützte den Kopf ab. „Also, ich schreibe am besten, dass wir bis nach Agadir geflogen und dann mit dem Bus gefahren sind, dass wir viele Moscheen besichtigt haben ... Was heißt wohl Moschee auf Englisch?" Philipp griff wieder nach dem Wörterbuch und blätterte. „K, l, m ...", murmelte er vor sich hin, „mo... – Morphium, morsch, Mörser, Mörtel ...", suchend fuhr er mit dem Finger über die Zeilen. „Verflixt noch mal Zorro, warum bellst du das Regal an? Sei endlich still!" Zorro hörte auf zu bellen und verlegte sich wieder auf sein dumpfes Grollen. „’Mosque’ – ich hab’s gefunden. Moschee heißt ‚mosque’! Philipp notierte es auf einem Schmierblock. Zorro sprang mit wütendem Gebell vor dem Regal in die Höhe. „Zorro, du führst dich auf, als wenn sich des Nachbarn fetter Kater in meinem Regal versteckt hätte – oder ist es am Ende die Flasche, die dich so aufregt?" Philipp hatte den Stift beiseitegelegt und war von seinem Schreibtisch aufgestanden. Einen kurzen Moment lang war es ihm so vorgekommen, als hätte die blaue Glasflasche, die seine Großmutter nicht mehr hatte haben wollen, violett geschimmert. „So ein Quatsch", sagte er und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. „Aber das könnte ich übrigens auch schreiben: ‚My grandmother bought an old blue bottle, but we couldn’t open the cork.’" In diesem Moment kam Philipp eine zündende Idee: „Mensch, wir haben doch ‘ne Bohrmaschine! Die kleine, handliche Akkumaschine, die mein Vater neulich gekauft hat. Damit könnte ich es mal probieren!" Im nächsten Moment war er aufgesprungen und hatte die verflixte Hausaufgabe vergessen. Er schnappte sich Oma Webers Souvenir aus Marrakesch, das er auf eines der oberen Borde in seinem Regal gestellt hatte, und stieg die Kellertreppe hinunter. Zorro rannte mit wütendem Gebell hinter ihm her.

„Komisch", dachte sich Philipp, „bisher ist mir noch gar nicht aufgefallen, dass die Flasche in verschiedenen Farben schimmert. Jetzt sieht sie beinahe rot aus. Wird wohl an der neuen Leuchtstoffröhre liegen, die mein Vater neulich in seiner Kellerwerkstatt installiert hat." Philipp suchte sich aus Vaters Bohrern einen passenden aus und spannte ihn ins Bohrfutter der Bohrmaschine, während Zorro unablässig knurrte und bellte.

„Mist", schimpfte er, „Ich kann die Maschine nicht mit einer Hand halten. Was mach ich jetzt? Ich weiß es - ich spanne die Flasche in den Schraubstock. Das Glas ist ja so dick, das geht bestimmt nicht kaputt!" Vorsichtshalber wickelte er die Flasche in ein altes Handtuch, bevor er langsam und vorsichtig die Backen des Schraubstocks zudrehte.

„Jetzt sieht die Flasche auf einmal grün aus", fand Philipp. „Das kommt wohl vom Handtuch. Das ist auch grün." Mit beiden Händen fasste er die Bohrmaschine und setzte den Bohrer am hartnäckigen Pfropfen an, aber die Flasche begann, zwischen den Backen des Schraubstockes zu rutschen. Philipp legte die Bohrmaschine auf der Werkbank ab, drehte den Schraubstock noch ein wenig fester – und plötzlich zerbarst die Flasche mit einem ohrenbetäubenden Knall!

Philipp stand vor Schreck wie gelähmt. Weißer Rauch erfüllte den Raum und sank nun langsam zu Boden. Zorro, der aufgehört hatte zu bellen, stand mit eingezogenem Schwanz in der Tür und jaulte. Der weiße Rauch schwebte über dem Fußboden, bildete einen Kringel und zerfloss wieder. „Was ist das?", schoss es Philipp durch den Kopf. „Giftige Dämpfe? Säure? Gas?" Aber der Rauch war geruchlos. Er kringelte sich, floss wieder auseinander, kringelte sich von Neuem. Mit einem Mal wurde der Kringel kraftvoller, wirbelte schneller und schneller, bis er aussah wie eine Windhose. Unfähig sich zu rühren, starrte Philipp auf das seltsame Schauspiel. Plötzlich wurde der Rauch dichter und formte sich zu einer menschlichen Gestalt. Philipp wollte schreien, öffnete den Mund, aber der Schrei blieb ihm im Hals stecken. Zorro machte einen Satz nach vorne und sprang mit wütendem Kläffen an der Gestalt hoch, wollte sie mit seinen Zähnen packen - doch im gleichen Augenblick zerfiel die Gestalt wieder zu weißem Rauch. Winselnd wich Zorro zurück, während der Rauch sich wieder über den Fußboden kringelte, erneut zu wirbeln begann und wieder zerfloss.

***

Kalatur kämpfte einen schier aussichtslosen Kampf. Wenn es ihm jetzt nicht gelang, seine Energie zu konzentrieren, würde sie immer weiter auseinanderfließen, dann wäre es ihm unmöglich sich erneut zu materialisieren - es wäre sein Ende. Wäre das schwarze Tier nicht gewesen, hätte er es längst geschafft. Aber der Angriff hatte im sensibelsten Moment seine Konzentration gestört. Wie viele Jahrtausende hatte er auf den Augenblick seiner Befreiung gehofft, hatte sich vorgestellt, wie er durch den Flaschenhals nach oben strömen würde – aber mit dem Zerbrechen der Flasche hatte er nicht gerechnet. Unvorbereitet war seine Energie auseinandergeströmt, die durch die lange Gefangenschaft immer schwächer geworden war. Aber jetzt, jetzt musste er es schaffen! Seine Energie zentrierte sich, wirbelte aufwärts – und Kalatur fühlte, wie er wieder Gestalt annahm …

Der kleine Raum war so hell, als ob in ihm die Sonne schiene. Aber es war nicht die Sonne, sondern eine lange, dünne Stange, die so hell strahlte. Sie war an der Decke festgemacht und warf ihr Licht auf allerlei seltsame Dinge, die an den Wänden des Raumes aufgereiht waren. In der Türöffnung lauerte das schwarze Tier. Es sah aus wie ein Wolf, bellte und knurrte aber wie ein Hund. Wieder setzte es zum Angriff an, aber wie er es von Hunden gewöhnt war, wich es auch diesmal winselnd und mit eingezogenem Schwanz zurück. Neben dem schwarzen Tier stand ein merkwürdiger Junge mit goldgelben Haaren. Er trug ein buntes Obergewand, das mit geheimnisvollen Zeichen bedeckt war und seine Beine steckten in eigentümlichen blauen Röhren. Der Junge starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Kalatur war noch schwach. Um jede weitere Attacke im Vorfeld abzuwehren, fuhr er den Jungen mit seiner dröhnenden Stimme an:

„Weh dir, du Elender, du hast meine Wohnung zerstört!"

Der Junge hatte zwar sichtlich Angst, ließ sich aber doch nicht so einfach einschüchtern. „Na hör mal", protestierte er mit einer Stimme, die nur ganz leicht zitterte, „ich hab dich befreit! Du warst eingeschlossen – wahrscheinlich schon ziemlich lange. Du solltest mir nicht drohen, sondern dankbar sein! Wer bist du überhaupt?"

„Ich bin Kalatur, der Geist des Rauches!", antwortete er, ohne zu dröhnen und mit deutlich milderem Ton. Er fand, dass der Junge im Grunde durchaus recht hatte.

„Hi, Kalatur", sagte der Junge, so, als ob er jeden Tag mit Rauchgeistern zu tun hätte, „ich bin Philipp, Philipp Baumann." Aber das leichte Zittern war noch immer in seiner Stimme.

„Und was ist das für ein wildes Tier neben dir?"

„Das ist Zorro. Er ist kein wildes Tier, sondern ein Belgischer Schäferhund!"

„Du bist also ein Schafhirte!", stellte Kalatur fest.

„Nein, wir haben keine Schafe. Ich gehe noch zur Schule, und Zorro muss auch keine Schafe hüten. Wir haben ihn nur so, weil wir ihn mögen!"

Der Junge, der den eigenartigen Namen Philipp trug und so absonderlich aussah, gefiel Kalatur, aber er war der Meinung, dass er keine Schwäche zeigen durfte. „Wenn du mir eine neue Wohnung besorgst, wird dir nichts geschehen!", sagte er, und ließ seine Stimme wieder ein wenig dröhnen.

„Wenn es weiter nichts ist", beeilte sich der Junge zu beschwichtigen, „eine Flasche findet sich schon irgendwo!"

„Ich will keine Flasche, sondern eine Kalebasse!"

„Eine Kalebasse? Meinst du so einen langen ausgehöhlten Kürbis? So etwas habe ich nicht, und ich weiß auch nicht, wo ich so etwas auftreiben könnte. Und außerdem – du hast ja bis jetzt auch in einer Flasche gewohnt!"

„Die Flasche war mir zu eng. Kalebassen sind bequemer!", antwortete Kalatur mit verstärktem Dröhnen.

„Deine Flasche war ja auch sehr klein. Es gibt doch viel größere, die sind auch bequem!" Die Stimme des Jungen begann wieder merklich zu zittern. „Ich zeig dir eine!"

Der Junge Philipp drehte sich um, verließ den hellen Raum, und urplötzlich war auch der Nebenraum so hell, als ob darin die Sonne schiene. Als Kalatur dem Jungen folgte, beugte der sich gerade über einen großen Korb und murmelte erschrocken vor sich hin: „So ein Mist, ich musste ja gestern alle leeren Flaschen zum Altglascontainer bringen!" Kalatur verstand nicht, was er damit meinte, aber im nächsten Moment hielt Philipp ein schmales, grünes Ding hoch und sagte: „Im Augenblick habe ich allerdings nur die hier. Sie hat eine sehr moderne Form. Da war Olivenöl drin!"

„Die ist ja eckig! Darin kann ich meine Energie nicht konzentrieren! Wenn du mir nicht bald eine neue, passende Wohnung besorgst, ergeht es dir schlecht!", drohte Kalatur. Der Junge, der ohnehin schon eine außergewöhnlich helle, blasse Haut hatte, wurde noch blasser.

„Keine Sorge, Flaschen gibt es zur Genüge. Ich glaube, in der Küche steht noch irgendwo eine halbe Flasche Orangensaft rum."

Kalatur folgte dem blasshäutigen Jungen und dem schwarzen Hund über Stufen nach oben in die Küche. Es war eine merkwürdige Küche, denn Kalatur konnte nirgendwo eine Feuerstelle entdecken. Der Junge ging zu einer silberfarbenen Truhe, die hochkant stand und sich erstaunlicherweise nach vorne öffnen ließ. Auch in dieser Truhe schien seltsamerweise die helle Sonne zu scheinen, und ihr entströmte eine erstaunliche Kälte. Der Junge entnahm der Truhe eine große Flasche, durch die man doch tatsächlich hindurchsehen konnte. Sie war zur Hälfte mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt.

„Ich denke, die ist groß genug", sagte er, „da passt ein ganzer Liter rein!" Er goss die Flüssigkeit in eine Schüssel, die ebenfalls silbrig glänzte, und augenblicklich verschwand der Trank unsichtbar durch ein Loch, das in dieser sonderbaren Schüssel angebracht war. Kalatur überlegte, ob der Junge nicht vielleicht ein Magier war, denn Philipp bewegte mit der Hand ganz leicht einen silbernen Knauf, und plötzlich floss Wasser aus einem silberfarbenen Rohr hervor. Er spülte damit die Flasche aus, hielt sie ihm hin und sagte: „Bitteschön, du kannst jederzeit einziehen!"

„Niemals! Durch diese Flasche kann man ja hindurchsehen. Darin kann ich unmöglich wohnen!" Kalatur verstärkte das Furcht einflößende Dröhnen. Er wollte sich mit seiner neuen Behausung so schnell wie möglich durch die Lüfte auf und davon machen. „Du solltest meine Geduld nicht unnötig auf die Probe stellen!", drohte er.

„Null Problemo", meinte der Junge leichthin. Aber Kalatur bemerkte, dass mittlerweile nicht nur die Stimme Philipps zitterte, sondern auch seine Hände. „Ich kann dir die Flasche anmalen! Ich müsste noch irgendwo in meinem Zimmer ein paar Gläser Plakafarben haben, die decken absolut dicht; dann kann niemand in deine Wohnung hineinsehen!"

***

Frau Baumann bugsierte Staubsauger, Eimer und Wischmopp in Philipps Zimmer. „Es ist doch immer dasselbe Theater", schimpfte Philipps Mutter halblaut vor sich hin, „ich will sauber machen, und Philipp hat nicht aufgeräumt!" Entnervt und wie immer in Zeitnot, weil sie an ihrem freien Tag tausend Dinge zu erledigen hatte, sammelte sie Sweatshirts, Jeans und Socken vom Boden auf und warf herumliegende Schulbücher, Komikhefte und diverse CDs aufs Bett. Zorro flüchtete vor ihrem Tatendrang und den vielen Putzutensilien auf den Flur. Frau Baumann bückte sich, fischte mit dem Wischmopp ein Fernlenkauto, einen einzelnen Turnschuh und einen Fußball unter dem Bett hervor, klaubte die Überreste einer zerlegten Computermaus zusammen und wunderte sich über die alte Lesefibel für ABC-Schützen, die auf Philipps Schreibtisch lag. Mitten im Zimmer stand auf dem Fußboden der Globus herum. Frau Baumann wischte ihn ab und überlegte, wo er wohl vorher gestanden hatte. Im Regal, auf dem obersten Bord, war noch Platz. Sie müsste nur die bunte Flasche, die dort stand, ein wenig zur Seite schieben und die kreuz und quer herumliegenden Bücher aufstellen. Aber zuerst mussten alle Borde abgestaubt werden. Frau Baumann griff sich ihr Staubtuch, während Zorro am Staubsauger vorbei ins Zimmer zurückschlich und wütend zum Regal hinaufbellte.

„Nun sei schon still", befahl Frau Baumann, ich hab jetzt keine Zeit für dich!" Sie hatte gerade die Bücher aufgestellt, konnte aber die Bücherstütze nicht finden. Sie stellte das vorderste Buch schräg, um im Fach darunter nach der fehlenden Stütze zu suchen, aber der große Bildband über die Wildtiere Afrikas fing an zu rutschen, stieß gegen die bunte Flasche, die Flasche kippte, schlug gegen den seitlichen Metallholm, an dem die Borde befestigt waren – und Frau Baumann fing die Flasche im letzten Moment mit einem erschrockenen Schrei auf. „Ups, das war knapp, beinahe wäre mir die Flasche auf die Fliesen geknallt!", murmelte sie. Sie wollte die Flasche schon wieder ins Regal zurückstellen, hielt dann aber inne. „Was hat er denn mit dieser Saftflasche gemacht?", wunderte sie sich. „Warum hat er sie angemalt? Ist da was drin?" Sie spähte durch die Öffnung. „Scheint leer zu sein – oder doch nicht? Sieht fast so aus, als wenn da Rauch drin wäre." Sie schüttelte die Flasche, drehte sie um – und sah durch den durchsichtigen Boden in ein Gesicht. Mit einem Aufschrei ließ sie die Flasche fallen …

Unfähig sich zu bewegen, starrte Frau Baumann auf den feinen weißen Rauch, der aus den Scherben aufstieg und zu wirbeln begann wie eine Windhose. „Was ist das?", flüsterte sie entsetzt, als sich der Rauch zu einer menschlichen Gestalt verdichtete. Sie wollte schreien, doch der Schrei blieb ihr im Halse stecken. Zorro knurrte und bellte, aber die Gestalt befahl mit dröhnender Stimme: „Zorro Platz!", und Zorro gehorchte, ganz so als wenn er daran gewöhnt wäre, die Befehle dieser furchterregenden Gestalt zu befolgen.

„Dies ist nun bereits das zweite Mal, dass meine Wohnung in diesem Haus zu Bruch geht!", sprach die Gestalt sie in vorwurfsvollem Ton an.

„Wohnung? Welche Wohnung? Und wer bist du überhaupt?", stieß Philipps Mutter hervor.

„Ich bin Kalatur, der Geist des Rauches. Du kennst mich zwar nicht, aber ich bin der Entleerer deiner Spülmaschine."

„Der - der - Entleerer meiner Spülmaschine", wiederholte Frau Baumann mit tonloser Stimme.

„Genau! Jeden Tag, bevor du nach Hause kommst, erledige ich für deinen Sohn Philipp diese Arbeit", bestätigte die schreckliche Gestalt, die sich Kalatur nannte. „Dafür erklärt mir Philipp im Gegenzug die Geheimnisse der modernen Welt."

„Philipp – er - er erklärt dir …" Frau Baumann blieben die Worte im Hals stecken.

„Genau! Und ich habe in der Flasche gewohnt, die du soeben zerbrochen hast! Philipp hat sie mir angemalt."

„Philipp – er hat – er hat …", stotterte Philipps Mutter. Sie brachte keinen vollständigen Satz mehr über die Lippen.

„Ja, nachdem er meine blaue Flasche zerbrochen hatte."

„Deine blaue Flasche? Die Flasche aus Marokko? Du bist – du bist ein Flaschengeist?"

„Nun ja, so nennt ihr Menschen das wohl gemeinhin."

„Ein Flaschengeist!", flüsterte Frau Baumann entsetzt. „Nein, das kann nicht sein! Das gibt es nicht! Spinne ich jetzt, oder träume ich nur? Ja, wahrscheinlich träume ich nur! Du bist ein Traum, ein ganz verrückter Traum!"

„Ich kann dir versichern, dass du weder spinnst noch träumst!", erklärte der Geist höflich.

Frau Baumanns Gedanken wurden langsam wieder klarer: „Ja Moment mal, wenn du wirklich ein richtiger Flaschengeist bist, müsstest du dann nicht sagen: ‚Ich bin dein ergebener Diener und werde alles ausführen, was du befiehlst!’, oder jedenfalls so etwas Ähnliches?"

Die Miene des Geistes verfinsterte sich: „Nein!"

„Nein?"

„Nein, du kennst die Formel nicht!"

„Ach, man muss eine Formel kennen? In den alten Geschichten aus Tausendundeine Nacht war das aber nicht so!"

„Es ist schon seltsam mit euch Menschen", sagte Kalatur, „zuerst glaubt ihr, ihr wärt verrückt geworden oder ihr träumt, und dann erwartet ihr, dass ich funktioniere wie in euren Märchen. Aber ich bin kein Märchengeist. Ich bin Kalatur, der Geist des Rauches, und wer meine Dienste in Anspruch nehmen will, der muss die richtige Formel sprechen. Aber es gibt keinen Menschen mehr, der sie kennt, und deshalb kann mich auch niemand mehr in seine Dienste zwingen und meine Kräfte für seine egoistischen Ziele ausnützen!"

„Oh, das will ich nicht! Ich - ich hatte nur gedacht, du könntest mir vielleicht die viele Hausarbeit abnehmen. Ein Augenzwinkern und alles ist aufgeräumt und sauber, und noch ein Augenzwinkern und alle Wäsche ist gewaschen und gebügelt!"

„Und morgen willst du Geld und Schmuck und neue Kleider, übermorgen ein größeres Haus, und nächste Woche willst du etwas, das der Nachbarin gehört, und ich soll dafür sorgen, dass ihr ein Unglück zustößt!"

„Oh nein!", rief Philipps Mutter erschrocken. „So etwas würde ich nie wollen!"

Kalatur sah sie mit alles durchdringenden Augen an und entgegnete: „Glaube mir, ich kenne die Menschen. Sie sind unersättlich in ihrer Gier nach Reichtum und Macht!"

Frau Baumann wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. „Mag sein, dass er recht hat, mit der Gier der Menschen", dachte sie. „Bei den meisten trifft das wahrscheinlich zu - aber ich – nein, ich bin ganz bestimmt nicht gierig!" Kalatur ließ ihr keine Zeit für weitere Überlegungen:

„Vergiss nicht, dass du meine Wohnung zerbrochen hast. Ich brauche eine neue Flasche!", mahnte er.

„Eine Flasche – natürlich – da werde ich schon irgendetwas finden«, murmelte Frau Baumann.

***

Die Sekretärin des Reiseveranstalters hatte sich anfangs etwas geziert; schließlich war es nicht erlaubt, Kundenadressen so einfach weiterzugeben, aber Friedhelm Bartelmann hatte seinen ganzen Charme und alle Überzeugungskraft aufgeboten. „Es ist mir ja wirklich peinlich", hatte er der Dame am Telefon zutiefst zerknirscht erklärt, „aber ich bin halt manchmal ein wenig schluderig. Ich kann die Adresse von Frau Weber einfach nicht mehr finden. Dabei hatte ich Ihr doch versprochen, Abzüge von meinen Fotos zu schicken. Sie war nämlich mit mir zusammen auf dieser Busreise durch Marokko – sie und ihr Enkel Philipp - und da ging dann dummerweise gleich zu Anfang ihre Kamera kaputt. So ein primitives Ding von irgendeinem Discounter, müssen Sie wissen. Jedenfalls konnte man die nicht mehr reparieren. Deshalb hatte ich ihr die Abzüge versprochen – und ich Chaot habe ihre Adresse verschlampt. Nun wird sie denken, ich wäre ein unzuverlässiger Schaumschläger oder Sprücheklopfer oder so etwas in der Richtung.– Wirklich peinlich! Aber ich bin mir ganz sicher, dass Sie ein Herz haben, und mir aus diesem Schlamassel heraushelfen!", hatte er geschmeichelt, und dann, nach einigem Zögern und natürlich nur ausnahmsweise, Adresse und Telefonnummer von Frau Marianne Weber erhalten.

Friedhelm Bartelmann hatte von der Reise zwar keine Fotoabzüge, aber er hatte Videofilme - bearbeitet, vertont und auf DVD gebrannt. Unter anderem war darauf Frau Weber zu sehen, wie sie ihm auf dem Apothekermarkt von Marrakesch triumphierend jene geheimnisvolle blaue Flasche entgegenhielt. Die DVD, eingewickelt in geblümtes Geschenkpapier und mit einem Schleifchen aus rotem Ringelband versehen, lag nun auf Frau Webers Couchtisch und Friedhelm Bartelmann saß auf ihrem Sofa und knabberte Schokoplätzchen zu einer Tasse Tee. So weit zu kommen, war wesentlich schwieriger gewesen, als an die Adresse zu gelangen. Frau Weber war mehr als misstrauisch gewesen, als er plötzlich mit der DVD und einem Strauß Sommerblumen vom Discounter in der Hand, an ihrer Wohnungstür geklingelt und sie mit einem nicht endenwollenden Wortschwall überfallen hatte: „Ach, ich hatte mich ja so gefreut, so ganz unverhofft der reizenden Mitreisenden mit ihrem aufgeweckten Enkel wieder zu begegnen! Bla bla blaa, bla bla blaa … und da waren mir natürlich meine Videofilme eingefallen, bla bla blaa, bla bla blaa … Ich hoffe, ich störe nicht, … bla bla blaa, bla bla blaa … Oder haben Sie etwa noch Besuch von Ihrem Verwandten, der uns so exzellent die alten Schrifttafeln übersetzt hat?"

„Nein, Kal… Karl Artur ist schon wieder abgereist. Er war nur wegen der Sonderausstellung des Museums hier!" hatte ihm Frau Weber beiläufig erklärt, nachdem sie ihn schließlich doch, wenn auch zögernd, hereingebeten hatte. Und während sie in der Küche Tee aufgesetzt hatte, hatte er sich im Wohnzimmer unauffällig umgesehen, aber nirgends die blaue Flasche entdeckt. „Sie könnte natürlich auch im Schlafzimmer stehen", überlegte er, ‚oder im Bad. – Ja natürlich, ich erinnere mich, dass sie ihr neu gefliestes Badezimmer erwähnte, und meinte, dass die Flasche da so gut hineinpassen würde …"

Bartelmann ließ ein Stück Zucker in den Tee plumpsen, rührte ein paar Mal um, führte die Tasse zum Mund – „Oh wie ungeschickt von mir! Der schöne Tee über Hemd und Krawatte und Hose!", rief er in gespieltem Erschrecken und dachte sich: „Oh, verdammt, der Tee war noch viel zu heiß für dieses Spielchen!" Frau Weber brachte ihm eilfertig ein sauberes Geschirrtuch aus der Küche, und Bartelmann fragte scheinheilig: „Darf ich mal kurz in Ihr Badezimmer, um den Schaden abzutrocknen?"

Ja, das Bad war sichtbar neu gefliest und in Türhöhe zog sich eine Bordüre aus blauen Mosaiksteinchen quer über alle Wände. Auf einem Eckpodest über der Wanne stand eine blaue Glasschale, eine Vase mit blauen Seidenblumen schmückte den Mauervorsprung über der Toilettenspülung, die hellblauen Handtücher waren dunkelblau gestreift, aber die blaue Flasche war nirgends zu entdecken. Vorsichtig öffnete er den Spiegelschrank über dem Waschtisch: Haarspray, Kosmetik, Shampoo, Cremetöpfe und - Dr. Maußners 35-Kräuter-Öl gegen ihr Rheuma im Knie. Das Zeug hatte sie doch in die ominöse blaue Flasche füllen wollen! Aber natürlich, das ging ja schlecht, wenn ein Dschinn in der Flasche hauste. Ob die Flasche im Schlafzimmer stand? Mit dem Dschinn darin? Sollte er einfach ganz frech ins Schlafzimmer marschieren? Aber welche Tür war die Schlafzimmertür? Frau Webers Wohnung war ziemlich groß, es gingen mehrere Türen von der Diele ab. Er musste es geschickter anfangen.

Als Bartelmann auf Oma Webers Couch wieder Kekse knabberte und Zucker in eine frische Tasse Tee rührte, stellte er zufrieden fest, dass ihr Fernseher ein ziemlich alter Kasten war und dass sie zwar einen betagten Videorekorder besaß, aber nirgendwo ein DVD-Player zu entdecken war. Die gebrannten Urlaubsfilme konnte man also auf dem Fernseher nicht ansehen. Aber sie besaß einen Computer - jedenfalls hatte sie das irgendwann während der Reise erwähnt. Im Wohnzimmer war kein PC zu sehen, und Bartelmann hoffte inständig, dass der Computer kein Laptop war, den sie mir nichts, dir nichts ins Wohnzimmer bringen konnte.

„Wollen wir uns nicht zusammen das Marokkovideo ansehen und alte Erinnerungen auffrischen?", schlug er vor.

Frau Weber wollte nicht unhöflich sein: „Von mir aus gerne, aber mein Fernseher schluckt diese neumodische Silberscheibe nicht. Da müssten wir schon rüber ins Arbeitszimmer an den PC. Das ist aber sehr unbequem, weil dort nur ein einziger Drehstuhl drinsteht. Ich kann Ihnen nur noch einen unkomfortablen Klappstuhl anbieten!"

„Ach, ich sitze gerne auf dem Klappstuhl!"

Während Frau Weber den PC einschaltete und die Stühle zurechtrückte, musterte er das Arbeitszimmer, das mit einem ausgemusterten Wohnzimmerschrank und einem Schreibtisch möbliert war und sonst keinerlei Nippes oder Blumenschmuck aufwies. Auch hier war von der blauen Flasche nichts zu entdecken. Aber immerhin war er nun schon wieder einen Raum weiter.

Marianne Weber versuchte höflich, ein Gähnen zu unterdrücken. Bartelmanns Video war langweilig, die fahrigen Kameraschwenks ermüdend.

„Oh, sehen Sie, das ist Mustafa, der uns in Marrakesch über den Suq geführt hat!", rief ihr nerviger Besucher enthusiastisch, so als ob er den Film zum ersten Mal sähe. „Und das – ach ja, das ist ja unsere gute Frau Weber, wie sie ihr tolles Souvenir schwenkt, grad als wäre es ein Siegespokal! Ach, das war so spaßig, dass Sie diese blaue Flasche partout haben wollten …" Friedhelm Bartelmann klopfte sich lachend auf die Schenkel und fragte dann unvermittelt: „Wo haben Sie denn die schöne Flasche?"

„Ach die blaue Flasche? Die habe ich nicht mehr!"

Bartelmann gelang es, sein Erschrecken zu verbergen. „Sie haben die Flasche sicher als besonders hübsches Mitbringsel verschenkt."

„Nein. Ich muss Ihnen ein Geständnis machen", sagte Frau Weber beiläufig, „ich hätte damals auf Sie hören sollen. Ich habe die Flasche nämlich nicht aufgebracht. Also habe ich sie meinem Enkel geschenkt und der hat sie zerbrochen. Nun ja, das waren sechs Euro fünfzig Lehrgeld. Ich denke, das kann ich verschmerzen", meinte sie leichthin.

„Ah – zerbrochen - ", murmelte Bartelmann und in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken: „Dann ist der Dschinn jetzt bei diesem Philipp. Ich muss rausbekommen, wie der Bengel mit Nachnamen heißt und wo er wohnt. Wie stelle ich das nur an? Einfach plump danach fragen? Lieber nicht, sonst riecht sie Lunte. Ich muss mir was anderes einfallen lassen!" Plötzlich hatte er es furchtbar eilig und verspürte wenig Lust, das restliche Video auf dem unbequemen Klappstuhl von Philipps Großmutter anzusehen. Er sah auf die Uhr, tat erschrocken und rief: „Ach du meine Güte! Schon fünf Uhr durch! Ich muss ja noch dringend etwas erledigen!" In Windeseile verabschiedete er sich, und Frau Weber schloss aufatmend die Tür hinter ihm.

Als Bartelmann zu seinem Auto ging, das er in einer Seitenstraße geparkt hatte, legte er sich im Geiste schon einen Schlachtplan zurecht. „Ich werde diese Frau Weber beobachten. Sie wird sicher in der nächsten Zeit ihren Enkel und dessen Familie besuchen. Am besten parke ich sichtgeschützt vor ihrem Haus und wenn sie …", Weiter konnte er seine Gedanken nicht spinnen, denn plötzlich wurde er von hinten gepackt, roh in ein Gebüsch gezerrt und jemand hielt ihm einen kalten Gegenstand an die Schläfe.

„Keinen Mucks, sonst drücke ich ab und du kannst dir die Radieschen von unten betrachten!", warnte eine harte Stimme, die ihm seltsam bekannt vorkam. Die Warnung war überflüssig, denn Bartelmann brachte vor Schreck ohnehin keinen Ton heraus. „Gib uns die Flasche und dann kannst du wieder verduften!", befahl die Stimme. Jetzt wusste er, woher er die Stimme kannte.

„Flasche? Welche Flasche?", versuchte er den Ahnungslosen zu mimen.

„Spar dir die Mätzchen!", drohte die Stimme. „Die blaue Flasche mit dem Dschinn! Deswegen warst du doch hier!"

„Oh nein, oh nein, ich wollte der Frau Weber doch nur mein Urlaubsvideo bringen!"

„Die Story hat dir vielleicht die Alte abgekauft, aber bei uns kommst du damit nicht durch. Durchsuch ihn!", befahl die Stimme.

Der junge Mann, von dem Bartelmann wusste, dass er ein Student namens Torsten war, trat in sein Blickfeld und begann, wenn auch zögernd, an ihm herumzutasten. „Er hat keine Flasche bei sich!"

„Natürlich nicht! Wo sollte ich die denn haben?"

„Wo hast du sie versteckt?" Bartelmann wusste längst, dass die harte, drohende Stimme dem Assyriologen Dr. Gnoche gehörte.

„Die Flasche existiert nicht mehr!" jammerte er. Der kalte Gegenstand, den er für eine Pistole hielt, drückte sich noch fester an seine Schläfe.

„Lüg uns nicht an!", drohte Dr. Gnoche. Er packte den ehemaligen Oberstudienrat, der über keine kräftige Statur verfügte, sondern eher schmächtig war, noch fester und hoffte, dass dieser blöde Expauker nicht bemerkte, dass das Ding an seiner Schläfe nur eine, wenn auch täuschend echt aussehende, Spielzeugpistole war.

Friedhelm Bartelmann bekam es nun wirklich mit der Angst zu tun. „Es ist die Wahrheit! Sie konnte die Flasche nicht öffnen und hat sie ihrem Enkel geschenkt, und der hat sie zerbrochen!"

„Wie heißt der Enkel und wo wohnt er?"

„Das weiß ich nicht!", jammerte Bartelmann. „Ich weiß nur, dass er Philipp heißt. Womöglich heißt er ja auch Weber!"

„Wenn Du uns einen Bären aufgebunden hast, wird dir das noch leidtun!", drohte Alexander Gnoche und nach einem kurzen Zögern schlug er seinem Opfer hart die Spielzeugpistole an den Kopf.

***

Ein Brummen und Dröhnen drang von weither in sein Bewusstsein, und dann vernahm er ein leises, schmatzendes Geräusch. Etwas Feuchtes, Warmes fuhr ihm übers Gesicht und er dachte, es wäre seine Mutter, die ihm mit einem Waschlappen und warmem Wasser das Gesicht wusch. – So wie früher, als er noch ein kleiner, ewig schmutziger Junge gewesen war. Aber als er die Augen öffnete, sah er über sich nicht seine Mutter, sondern einen riesigen, hellbraunen Golden Retriever, der ihm mit seiner warmen, feuchten Zunge das Gesicht abschleckte. Friedhelm Bartelmann stieß einen entsetzten Schrei aus. Er hasste Hunde und hatte noch dazu schreckliche Angst vor ihnen.

„Frodo! Froodooo! Hier steckst du, du unfolgsamer Hund! Jetzt musst Du aber an die Leine!" Über dem Golden Retriever tauchte eine Frau mittleren Alters auf. „Oh, oooh!", stammelte sie entsetzt. „Was ist mit Ihnen?"

Bartelmann war nach dem ersten Schrecken wieder Herr seiner Sinne. „Nichts, gar nichts. Nehmen Sie nur Ihren Hund von mir weg!"

„Ja, ja natürlich, aber Sie bluten ja!"

Er wischte sich mit der Hand über die Schläfe. Er blutete tatsächlich, und das Brummen und Dröhnen schien aus seinem Kopf zu kommen. „Es – es ist nichts weiter, mir war nur ein wenig schwindelig. Ich – ich muss mich wohl gestoßen haben", beschwichtigte er, noch immer ein wenig benommen.

„Ja wo denn? Hier im Gebüsch? Ich rufe die Sanitäter, den Notarzt, die Polizei …", aufgeregt kramte die Frau in ihren Taschen nach dem Handy.

Notarzt und Polizei? – Die würden ihm seine Geschichte womöglich nicht abkaufen und alle möglichen Fragen stellen. Er musste hier weg, so schnell wie möglich. „Nein, nicht nötig! Wirklich nicht! Das war nur mein schwacher Kreislauf! Alles wieder in Ordnung! Wenn Sie jetzt endlich Ihren Köter anleinen und von mir wegholen würden, dann könnte ich auch schon aufstehen und weitergehen!"

„Frodo, hiiier!", befahl die Frau etwas unsicher. Frodo, der im Grunde ein höchst folgsamer Golden Retriever war, ließ von Bartelmann ab und setzte sich brav vor sein Frauchen hin. Als der Schäkel der Hundeleine am Halsband eingerastet war, rappelte sich Bartelmann hoch und tappte schwankend zu seinem Auto.

***

Es war nicht schwierig, ins Haus zu gelangen, denn Dr. Alexander Gnoche hatte nicht nur die Gewohnheiten der Baumanns ausspioniert, sondern auch herausgefunden, wo sie ihren Reserveschlüssel deponiert hatten. Er wusste auch längst, wo das Zimmer des Jungen lag, denn dort vermutete er die Flasche mit dem Dschinn. „Du suchst erst mal im Wohnzimmer und in der Küche", befahl er Torsten, während er selbst, ein großes Stück weiches Wachs in der Hand haltend, die Tür zu Philipps Zimmer öffnete. Das Zimmer sah aus wie die meisten Zimmer die von 12-jährigen Jungen bewohnt werden, nämlich ziemlich unordentlich. Gnoche ließ seinen Blick über das Chaos auf dem Fußboden schweifen, das Durcheinander auf dem Schreibtisch - dort stand auch eine angebrochene Limonadenflasche – aber nein, das war sicher nicht die Wohnung des Dschinns. Auf dem Bett lagen Bücher, CDs und Computerspiele, auf einem Stahlrohrsessel türmten sich Jeans, Jacken und Shirts. Er drehte sich um und musterte das Bücherregal. „Bingo!", sagte er lautlos zu sich selbst, denn dort stand auf dem obersten Bord, zwischen Bildbänden und einem Globus, eine mattgrüne, undurchsichtige Flasche. Sie hatte kein Etikett, aber der Form nach war es ganz ohne Zweifel eine Cognacflasche. Cognac im Zimmer eines 12-Jährigen? Das würden seine Eltern bestimmt nicht dulden! Gnoche hielt einen kurzen Moment inne, um sein heftig pochendes Herz zu beruhigen, und die Hand, die plötzlich schweißnass geworden war, an der Hose abzuwischen, bevor er mit einem schnellen Griff die Flasche von Regal holte und sofort mit dem weichen Wachs verschloss. Triumphierend hob er seine Beute in die Höhe. Die Flasche war undurchsichtig, aber er wusste, er hatte gewonnen, denn er konnte die Energie des Dschinns durch das Glas hindurch fühlen. „Jetzt gehörst Du mir!", sagte er grimmig. „Und eines kann ich dir jetzt schon flüstern: Deine Beschwörungsformel wirst du mir sehr bald freiwillig verraten!"

***

Zum Erstaunen Aller waren sie in der letzten Zeit auffallend zahm gewesen. In der Schule wunderten sich die Lehrer über den plötzlichen Wandel zum Guten, die von ihnen getriezten Mitschüler atmeten auf. Ihre Eltern behaupteten gar, dass sie doch schon immer gewusst hätten, dass ihre Sprösslinge liebe, brave Jungens wären. Die Fünf mieden es, mit den Mofas zu fahren, sie mieden den Wald und ganz besonders mieden sie die Sandgrube. Aufmerksamen Beobachtern wäre vielleicht noch aufgefallen, dass die Fünf die eigenartige Angewohnheit entwickelt hatten, ständig ängstlich nach oben zu sehen, so als ob sie dort oben eine unsichtbare Gefahr wähnten. Aber die Gefahr, die sie dort oben vermuteten, verblasste mit der Zeit, und manchmal kam es Ihnen so vor, als hätten Sie alles nur geträumt, hatten sie doch nie über das schreckliche Ereignis in der Sandgrube gesprochen – auch nicht untereinander. Aber langsam wurde es wirklich zu fad, immer so mustergültig brav zu sein. Vielleicht würden sie eines Tages sogar wieder mutig genug sein, mit ihren Mofas knatternd und röhrend durch die Gegend zu brechen. Doch vorerst hatten sie sich zu einer Busfahrt in die Innenstadt verabredet. Zwar hatte es keiner ausgesprochen, aber alle dachten dasselbe - es war an der Zeit, mal wieder ein wenig „Rabatz« zu machen.

Anna Kuschinke saß schon im Bus als die Fünf zustiegen, und augenblicklich tat es ihr leid, dass sie sich nicht gleich einen Platz in der Nähe des Fahrers gesucht hatte. Nun saß sie ganz allein im hinteren Teil des Busses. Neben ihr und ihr gegenüber waren alle Plätze unbesetzt. Als Orca mit breitem Grinsen auf sie zusteuerte, fühlte sie, wie Panik in ihr aufstieg. Er setzte sich ihr gegenüber und legte die Füße auf den Sitzplatz neben ihr. Spider, dessen lange, dürre Spinnenarme und Beine ihm seinen Spitznamen eingebracht hatten, tat es ihm gleich. Die anderen drei ließen sich in die Sitzbank hinter ihr fallen. Anna Kuschinke nahm all ihren Mut zusammen und belehrte Orca: „Man legt nicht die Füße mit den schmutzigen Schuhen auf den Sitz!«

„Aber Orca, deine Schuhe sind wirklich schmutzig!«, äffte Spider. „Das geht natürlich nicht, da muss man was machen!« Grinsend zog er der alten Frau den Seidenschal vom Hals, reichte ihn Orca, der demonstrativ auf seine Schuhe spuckte, und sie danach mit dem Seidenschal putzte. Dann gab er das Tuch an Spider weiter, der ebenfalls seine Schuhe damit polierte, bevor er es seinem Opfer wieder um den Hals hängte.

„He, sagt mal«, meldete sich jetzt Django zu Wort, „ist das nicht die dusselige Oma von Stefan?«

„Stefan? Von welchem Stefan?« fragte Locke, dem die Entwicklung der Dinge nicht so recht behagte.

„Na, von Stefan Kuschinke, dem Milchbubi aus der Sechsten, der in der Pause stets mit diesem Philipp zusammenhängt!«, erklärte Django.

„Ach ja, der Stefan! Ja, ich hab auch schon gehört, dass seine Oma ziemlich verdreht sein soll«, bestätigte Spider.

Frau Kuschinke umklammerte krampfhaft Handtasche und Gehstock und bemühte sich, ihre Angst nicht zu zeigen.

„Nächste Station: Gabelsberger Straße!«, tönte die Stimme des Busfahrers rauschend und kratzend aus dem Lautsprecher. Am liebsten wäre sie jetzt einfach ausgestiegen, aber dazu hätte sie den Signalknopf drücken müssen, der ein Stück vor ihr in Stehhöhe an einer Haltestange angebracht war, was aber nicht ging, weil sie zwischen den ausgestreckten Beinen von Orca und Spider eingeklemmt saß. Weil niemand sonst aussteigen wollte und an der Haltestelle keine Wartenden standen, fuhr der Bus weiter. Spider grinste, lümmelte sich in den Sitz und spuckte in hohem Bogen seinen Kaugummi in den Mittelgang.

„Das ist ungehörig!«, entrüstete sich Frau Kuschinke trotz ihrer Angst.

„Aber Spider!«, spöttelte Spock. „Da hat sie wirklich recht! Man spuckt keine angekauten Kaugummis auf den Boden!« Er bückte sich, hob den Kaufgummi auf und pappte ihn der Frau ins Haar. „Da ist er viel besser aufgehoben!«

Andreas, alias „Locke« beschlich ein mulmiges Gefühl. Er konnte das, was seine Kumpane mit Stefans Großmutter trieben, nicht spaßig finden. Am liebsten hätte er jetzt gesagt: ’Hört auf und lasst die arme Frau in Ruhe!’, aber das getraute er sich dann doch nicht. Er hatte Angst, als Spielverderber dazustehen und wieder ohne Freunde zu sein. Als er nach dem Umzug an die neue Schule gekommen war, hatte er seine alten Klassenkameraden, die er zum Teil schon seit dem Kindergarten kannte, schmerzlich vermisst - und in der neuen Klasse hatte er zu Anfang keinen Anschluss gefunden. Als Spider und seine Black Devils ihn als Fünften in ihre Mofagang aufnehmen wollten und ihm den Spitznamen „Locke« verpassten, wegen seines dunklen Wuschelkopfs, war er mächtig stolz darauf gewesen. Er hatte die Vier unwahrscheinlich „cool« gefunden, und sich selbst mächtig stark gefühlt, denn die Gang war bei allen Schülern gefürchtet. Dass seine neuen Freunde dann doch nicht ganz so cool, sondern ausgesprochen feige waren, hatte er erst in der Sandgrube gemerkt. Er hatte nicht vergessen, dass Spider einfach verduften wollte, als ihn der schreckliche Rauchriese am Kragen gepackt in die Höhe hielt. Anfangs hatte er versucht sich einzureden, dass der Nachmittag in der Sandgrube nur ein böser Traum gewesen war, aber im Grunde wusste er, dass er alles wirklich genau so erlebt hatte. Noch immer hatte er Angst, dass plötzlich wieder irgendwo hoch oben ein Riese aus einer Rauchwolke auftauchen könnte, ihn am Kragen packen und hochheben würde … Unwillkürlich sah er nach oben und suchte die Decke des Busses nach Anzeichen von Rauch ab.

„Nächste Station: Einkaufszentrum!«, kratzte es aus dem Lautsprecher.

Als der Bus hielt, verkündete Anna Kuschinke mutig: „Ich muss hier aussteigen!«, und stand auf. Auf ihren Gehstock gestützt, versuchte sie, Spiders Beine wegzuschieben.

„Nee Oma, wir wollten doch alle zusammen zu Luigis Eisdiele in der Fußgängerzone!« Orca drückte sie kräftig auf den Sitz zurück. „Du hast doch jedem von uns einen großen Eisbecher versprochen. Hast du das etwa schon wieder vergessen?«

Oma Kuschinke getraute sich nicht zu widersprechen und setzte sich wieder hin. Die Leute vorne im Bus stiegen aus. Drei ältere Frauen stiegen am hinteren Eingang zu, sahen Spider und seine Bande, und gingen wortlos nach vorne durch. Spider beobachtete argwöhnisch Locke, der schon wieder anfing, ängstlich nach oben und aus dem Fenster zu sehen. Auch Django hatte er schon damit angesteckt. Das nervte ihn, wo diese Busfahrt doch gerade anfing, richtig Spaß zu machen. Schon lange hatte er sich nicht mehr so gut amüsiert. Und überhaupt - es war ziemlich blöd, dass er sich wochenlang so eingeschüchtert gefühlt hatte. Wahrscheinlich war die ganze Sache damals doch nur eine Folge des Alkohols gewesen. Er hatte im Internet gelesen, dass manche Menschen im Alkoholdelirium weiße Mäuse sähen - oder rosa Elefanten und blaue Hunde. Warum sollte er nach der geklauten Flasche Cognac nicht einen Riesen aus Rauch gesehen haben? Die anderen hatten ja nie erwähnt, dass sie dieses Rauchmonster auch gesehen hätten. Logisch, die hatten ja auch nicht so viel von dem Cognac getrunken.

„Nächste Haltestelle: Fußgängerzone!«, krächzte der Lautsprecher.

Sie nahmen ihr Opfer in die Mitte. Für einen oberflächlichen Beobachter mochte es aussehen, als hülfen freundliche Jugendliche einer alten Dame aus dem Bus und über die Straße. Anna Kuschinke sah sich Hilfe suchend um - sollte sie ganz einfach laut schreien? Die Menschen hasteten so achtlos vorüber, dass sie sich nicht viel davon versprach. Vielleicht half man ihr in der Eisdiele. Oder auch nicht – vielleicht holte der Besitzer wütend die Polizei, wenn er feststellte, dass er um sein Geld geprellt wurde. Die paar Euro in ihrem Geldbeutel reichten nämlich keinesfalls für fünf Eisbecher.

Orca und Django hatten ihr Opfer rechts und links untergehakt. Locke hielt ein wenig Abstand. Verstohlen blickte er immer wieder nach oben.

„Es wird ganz bestimmt nicht regnen; das dort oben sind nur harmlose Schönwetterwolken!« Spider gab sich witzig, erreichte damit aber nur, dass nun auch die anderen ständig in den Himmel sahen.

„Und was ist mit der großen Rauchwolke dort oben?« Django war plötzlich blass geworden.

„Was wird das schon sein?«, spöttelte Spider, ohne hinzusehen. „Vermutlich Rauch aus einem Schornstein!«

„Schornstein? Das ist der Turm der alten Pfarrkirche!«, flüsterte Spock mit tonloser Stimme.

Nun sah auch Spider nach oben – genau in dem Moment, als sich der Rauch etwas lichtete und eine riesige Gestalt erkennen ließ. Der großtuerische Spider wurde mit einem Mal schreckensbleich. „Das - das ist er!«, stotterte er.

„Der Rauchgeist!«, stieß Orca entsetzt hervor und ließ vor Schreck Oma Kuschinke los.

Nun sah auch die alte Frau Kuschinke nach oben und erkannte den dunkelhäutigen Riesen, der nur noch halb von der Rauchwolke bedeckt war. „Der sieht ja aus wie der seltsame Fremde aus dem Bus?«, wunderte sie sich. „Ja, natürlich. Ich erkenne sein Gesicht und seinen Pferdeschwanz. Nur dass er jetzt nicht so seltsam zusammengewürfelte Kleider trägt, sondern einen roten Lendenschurz. Der kam mir doch gleich so merkwürdig vor!«

Zusammen mit ihren Peinigern, die in eine seltsame Schreckensstarre verfallen waren, beobachtete sie das seltsame Phänomen hoch über ihren Köpfen.

„Oh nein, das ist ja furchtbar!«, hörte sie plötzlich Locke neben sich stöhnen. Das löste die Schreckensstarre der Fünf und im nächsten Augenblick waren sie davongerannt und in einem der angrenzenden Läden verschwunden. Anna Kuschinke stand gestützt auf ihren Gehstock, und beobachtete in einer eigentümlichen Mischung aus Furcht und Faszination, wie die Riesengestalt sich wieder in dunklen Rauch auflöste und davonschwebte.

***

Barfuß, nur mit ausgefransten Shorts bekleidet und dem Speer seines Großvaters bewaffnet, erkundete Jangy den Busch. Aber der Sand war so heiß, dass er ihm fast die Fußsohlen verbrannte. Spitze Steinchen, scharfe Dornen und stacheliges Spinifexgras bohrten sich in seine Füße. Jangy biss die Zähne zusammen und versuchte, die Pein zu ignorieren. Früher war er doch immer barfuß gelaufen! Früher - das war bevor er sich daran gewöhnt hatte Schuhe zu tragen und in weichen Betten zu schlafen. Jangy kapitulierte. Er hatte ein Känguru oder eine Echse jagen wollen, stattdessen setzte er sich auf einen flachen Stein und streckte seine malträtierten Füße von sich. Es dauerte jedes Mal ein paar Tage, bis er sich wieder ans Barfußlaufen gewöhnt hatte.

„Es ist wichtig, dass du dein altes Leben, das Leben deines Stammes und deines Volkes nicht vergisst!", hatte sein Großvater gemahnt. Jangy hatte das verstanden. In den Ferien kam er nach Hause, zog Schuluniform und Schuhe aus und ließ sich von seinem Großvater bereitwillig in die von den Ahnen überlieferte Lebensweise seines Volkes einweisen. Sein Großvater war einer der wenigen Männer, die auch heute noch im Busch überleben könnten. - Ohne Lebensmittel aus dem Supermarkt und Wasser aus dem Wasserhahn. Sein Großvater wusste, welche Früchte essbar waren, wie man Kängurus und Echsen jagt, und er kannte noch die alten Überlieferungen des Stammes und wusste um die Geheimnisse der heiligen Riten. „Die Ahnen haben singend das Land geschaffen", hatte sein Großvater erklärt. Natürlich hatte Jangy in der Schule über die Entstehung der Erde und des Kontinents Australien, der vor Urzeiten vom Großkontinent Gondwana abgebrochen war, etwas anderes gelernt. Er zweifelte nicht im Geringsten daran, dass das, was die Wissenschaft herausgefunden und erforscht hatte, richtig war. Und trotzdem - insgeheim wusste er, dass auch sein Großvater irgendwie recht hatte.

„Siehst Du die großen Felsen dort drüben, die unserem Volk noch immer heilig sind?", hatte sein Großvater ihn einst gefragt und auf die kugelige, grau-rote Felsgruppe gedeutet, die sich in einiger Entfernung aus dem Buschland erhob. „Einst haben unsere Emu-Ahnen dort gelagert. Dabei haben sie diese Landmarke geschaffen. Wenn du genau hinsiehst, kannst du in der Felsformation noch immer die schlafenden Emus erkennen. Und wenn du dich konzentrierst, kannst du sogar ihre Anwesenheit fühlen!"

Ja, als kleiner Junge hatte er es gefühlt. Sein Großvater behauptete, dass die Weißen diese Fähigkeiten des intuitiven Fühlens und Erspürens schon vor langer Zeit verloren hatten. Für sie existierte nur noch, was man mit eigenen Augen oder zumindest durch starke Mikroskope sehen konnte, was sich messen, wiegen oder in chemische Bestandteile zerlegen ließ. Jangy wollte diese Fähigkeiten nicht verlieren. Er richtete seine Konzentration auf die Felsen - und wirklich, er spürte, dass von ihnen eine seltsame Energie ausging. Die Energie der Emu-Ahnen? Jangy vergaß seine schmerzenden Füße, erhob sich von seinem steinernen Sitz und ging, gestützt auf den Speer, entschlossen auf die Felsgruppe zu. War es Einbildung oder nahm die Energie tatsächlich fühlbar zu, je näher er der Felsformation kam? Nein, es war keine Einbildung! Als er die Felsen erreicht hatte und zwischen den runden Steingebilden herumkletterte, glaubte er, sie förmlich mit Händen greifen zu können. „Die Energie kommt aus der kleinen Höhle", stellte Jangy fest. Er wusste, dass sich in der größten der Steinkuppeln eine Höhle gebildet hatte. „Von Wind und Wetter erodiert", sagte die Wissenschaft. „Die Küken der Emu-Ahnen haben dort Schutz gesucht, und auf diese Weise die Höhle gebildet", hatte sein Großvater behauptet. Womöglich hatten beide recht. Jangy lehnte den Speer an einen Felsen und bückte sich, um durch den niederen Eingang der Höhle zu schlüpfen, die er schon öfters mit seinem Großvater besucht hatte. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Er blickte um sich, in der Hoffnung, die Emu-Ahnen mit eigenen Augen zu sehen. Aber er entdeckte keine Emus, keine Ahnen, sondern nur eine Flasche, die in einer Nische der Höhle stand. Eine ganz normale Flasche, wenn man davon absah, dass sie nicht durchsichtig, sondern weiß war. Mit großen Lettern stand darauf „Jamaika Rum". Ein Relikt der Ahnenwesen war diese Flasche ganz sicher nicht! Zu Urzeiten, als die Ahnen über das Land gezogen waren, hatte es weder Glasflaschen noch Jamaika Rum gegeben. Vermutlich hatten weiße Touristen, die immer wieder mit ihren Allradfahrzeugen durch das Outback pflügten und sich nicht darum scherten, dass diese Felsformationen seinem Volk heilig waren, in der Höhle campiert und die Flasche hier einfach zurückgelassen. Jangy beschloss, diesen Müll der Weißen mitzunehmen und irgendwo in einen Abfalleimer zu werfen. - Aber als er die Hand nach der Flasche ausstrecken wollte, lähmte eine starke Energie zuerst seinen Arm und dann seinen ganzen Körper.

„Elender! Lass die Finger von meiner Wohnung, sonst ergeht es dir schlecht!", drohte eine dunkle Stimme direkt hinter ihm. Kalter Angstschweiß trat auf Jangys Stirn. Die Ahnen! - Sie waren hier und hielten ihn für den Eindringling, der ihre heilige Stätte entweiht hatte! Jangy konnte sich nicht mehr bewegen, spürte nur die gewaltige Energie hinter sich. Im Geiste versuchte er, eine Entschuldigung zu formulieren. Aber wie sollte er das Ahnenwesen, das ihn ganz offensichtlich vernichten wollte, ansprechen?

„Ich, ich, ich wollte nur die Flasche, die Eure heilige Höhle entweiht hat, entfernen!", entschuldigte er sich in der Sprache seines Volkes. Er hoffte, auf diese Weise das erzürnte Ahnenwesen, das noch immer hinter ihm stand und ihn mit seiner gewaltigen Energie fesselte, gnädig zu stimmen.

„Diese Flasche ist meine Wohnung! Also lass gefälligst die Finger davon!" Der Ahnengeist, der ihm zuerst im Englisch der Weißen gedroht hatte, benützte nun ebenfalls die alte Sprache von Jangys Stamm.

„Deine Wohnung?", fragte Jangy verblüfft und drehte sich um, denn das Wesen hinter ihm, hatte plötzlich Jangys energetische Fesseln gelöst. Jangy wusste nicht so recht, was für ein Wesen er hinter sich vermutet hatte. Vielleicht einen Riesen-Emu mit menschlichem Gesicht, oder einen Menschen mit Emu-Kopf oder zumindest ein menschenähnliches Wesen, das mit Emu-Federn geschmückt war. Der riesige Mann, der hinter ihm stand, hatte sichtbar eine menschliche Gestalt, aber er hatte nichts von einem Emu und auch keine Ähnlichkeit mit den Menschen von Jangys Volk - wenn man einmal von dem roten Ding absah, das der Mann um seine Hüften geschlungen hatte. Sein Großvater hatte ihm jedoch erzählt, dass die eingeborenen Australier vor Ankunft der Weißen nackt waren. Aber dass dieses Wesen ein Geist war, daran bestand kein Zweifel.

„Ja, ich wohne in dieser Flasche. Ich brauche sie, um darin meine Energie zu regenerieren. Deshalb solltest du dich hüten, sie zu zerbrechen, denn in dieser abgelegenen Gegend könntest du mir mit Sicherheit nicht so schnell einen geeigneten Ersatz beschaffen!"

„Du gehörst nicht zu den Emu-Ahnen, wie ich zuerst dachte. Die Ahnen haben nie in Flaschen gewohnt, denn als sie das Land erschufen, gab es keine Glasflaschen!"

„Nein, ich gehöre nicht zu Deinen Ahnen", bestätigte der Geist. „Aber genau wie sie, existiere auch ich seit Anbeginn der Zeit!"

„Dann bist du ein Geist aus einem fremden Land?"

„Ja, ich stamme aus dem Zweistromland!", antwortete Kalatur und wunderte sich ein wenig, dass dieser Aboriginejunge sich überhaupt nicht wunderte, einem Geist zu begegnen.

„Aus dem alten Mesopotamien, dem Land zwischen Euphrat und Tigris?"

„Ja, genau von dort. Woher kennst Du eingeborener Outbackjunge dieses alte, ferne Land?"

„Na hör mal", protestierte Jangy, „ich bin zwar hier im Outback geboren, aber deswegen bin ich noch lange kein unwissender Dummkopf. Ich gehe schließlich zur Schule!"

„Gibt es denn hier eine richtige Schule?"

„Natürlich gibt es hier Schulen, und auf den abgelegenen Farmen findet der Unterricht per Funk oder Internet statt. Aber ich gehe in Darwin in eine private Schule."

Kalatur musterte den Jungen, der in etwa so alt sein mochte wie Philipp. Er war der erste Aborigine, dem er direkt gegenüberstand. Mit seiner beinahe tiefschwarzen Haut, der breiten Nase, den dunklen, zerzausten Locken sah der Junge genauso aus, wie die Aborigines, die er bisher auf Fotos gesehen hatte. Wie der Schüler einer privaten Schule sah er eigentlich nicht aus.

„Ich will später einmal zur Universität und Jura studieren. Ich muss unbedingt Rechtsanwalt werden, damit ich die Rechte unseres Stammes vor Gericht durchsetzen kann!", erklärte der Junge.

„Sind denn eure Rechte bedroht?"

„Ja, unsere Rechte wurden schon immer missachtet und sind leider auch heute noch bedroht. Deshalb hat mein Großvater gesagt, es sei wichtig, dass jemand aus unserem Volk Anwalt wird. Aber leider dauert es noch einige Jahre, bis ich mit der Schule fertig bin, und dann muss ich noch etliche Jahre zur Uni gehen. Und so wie es im Moment aussieht, ist es dann bereits zu spät."

„Und wofür ist es dann zu spät?"

„Man hat Uran auf unserem Land gefunden! Gar nicht weit von hier. Sie haben mit den Vorbereitungen für den Abbau bereits begonnen!"

„Geben sie euch denn kein Geld, wenn sie auf Eurem Land Uran abbauen?"

Jangy seufzte. Er hatte inzwischen die Angst vor diesem seltsamen Geist verloren: „Das ist ja das Problem. Ein paar korrupte Stammesmitglieder haben mit den Typen von der Urangesellschaft unrechtmäßig Verträge abgeschlossen und Geld kassiert. Sie wohnen inzwischen irgendwo in den Städten und haben sich schicke Häuser gekauft. Ihnen ist es egal, dass durch den Uranabbau die Erde verseucht und unser Wasser vergiftet wird", redete sich Jangy in Rage. „Und dass das Land und unsere heiligen Stätten entweiht und zerstört werden, bedeutet ihnen auch nichts!"

Bei den Baumanns hatte Kalatur über den Uranabbau in Australien gelesen, so wie man eben über Dinge liest, die einen interessieren. „Das sind die Probleme der Menschen", hatte er sich gedacht und sich fest vorgenommen, den Menschen in Australien aus dem Weg zu gehen. „Das hast du nun von deiner Neugier auf die Aborigines!", schalt er sich selbst. „Kaum dass du mit den Menschen zusammentriffst, wirst du auch schon mit deren Problemen konfrontiert!"

„Warum ruft Ihr nicht die Geister eurer Ahnen zu Hilfe?", fragte er schließlich den Jungen.

„Die Geister unserer Ahnen?" Jangy schüttelte betrübt den Kopf. „Die haben keine Macht mehr. Ich glaube, ihre Kraft ist am Erlöschen - obwohl mein Großvater behauptet, dass man ihre Energie noch immer spüren kann."

„Es stimmt, ihre Kraft ist nicht mehr stark, trotzdem ist ihre Energie immer noch vorhanden. Auch in dieser Höhle. Deine Emu-Ahnen haben übrigens nichts dagegen, dass ich hier vorübergehend wohne, denn durch meine Energie wird auch ihre Kraft wieder stärker."

***

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